Warum Kunsttherapie und moderne Hirnforschung so gut zusammenpassen
- Julia Löwe
- 10. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Wenn wir an Psychotherapie denken, denken die meisten zuerst an klassische therapeutische Gespräche, wie z.B. in der Verhaltenstherapie oder auch in der Tiefenpsychologie. Doch je mehr unserer Sinne in der Therapie beteiligt sind, desto mehr neuronale Verknüpfungen entstehen. Unter anderem genau hier setzt auch die Kunsttherapie an.
Der Neurowissenschaftler Eric Kandel konnte sichtbar machen, dass jede neue Erfahrung körperliche Spuren im Gehirn hinterlässt. Im Jahr 2000 wurde Kandel deshalb zusammen mit Arvid Carlsson und Paul Greengard der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für diese Entdeckungen betreffend der Signalübertragung zwischen den Neuronen verliehen.
Unser Gehirn ändert sich also mit jedem Lernen und mit jedem Gedanken physisch. Und das ist toll, denn so sind belastende Erlebnisse und negative Gefühle nicht unabänderlich in uns verankert. Das Gehirn bleibt immer formbar und kann sich immer wieder neu vernetzen. Neue Erfahrungen, die wir bewusst integrieren, verändern nach und nach die neuronalen Pfade unseres Denkens.
Man kann sich das vorstellen wie beim Autofahren: Je öfter man eine Straße fährt, desto vertrauter wird sie und desto schneller nimmt man sie automatisch, irgendwann weiß man teilweise gar nicht mehr, wie man von A nach B gekommen ist. Das ist Neuroplastizität.
Wenn negative Gedanken über längere Zeit auftreten, etwa durch außergewöhnliche Belastungen wie eine Trennung, anhaltendenden Leistungsdruck, Verlusterfahrungen, finanzielle Sorgen, Mobbing, die schwere Erkrankung eines nahestehenden Menschen oder belastende Kindheitserfahrungen, dann entstehen im Gehirn gut ausgebaute negative „Gedankenstraßen“. Dieser Prozess geschieht automatisch und ist keine persönliche Schuld, sondern eine natürliche Reaktion des Gehirns auf wiederholte Erfahrungen und anhaltende Belastung. Die darauf folgenden psychischen Reaktionen entstehen nicht grundlos. Sie haben ursprünglich eine Schutzfunktion und sollen uns Menschen vor starker Überforderung, großem Schmerz oder weiteren Verletzungen bewahren. Manchmal reagiert die Psyche dabei zu stark oder zu lange. Dann schießt dieser Schutz über das Ziel hinaus und es können Zustände wie Depressionen, Ängste oder auch Abhängigkeiten entstehen.
Wie schaffen wir es nun also, die negativen Gedanken weniger gewohnt zu denken und dafür eine Gewöhnung hin zu den positiven Gedanken zu schaffen?
Dafür kann die Kunsttherapie sehr sinnvoll sein, denn beim kreativen Arbeiten passiert etwas Besonderes: Wir sprechen nicht nur unseren Verstand an, sondern auch unsere Sinne, unseren Körper und unsere Gefühle. Ob beim Malen, Töpfern oder Collagen gestalten, überall erleben wir Selbstwirksamkeit. Wir tun etwas, wir schaffen etwas, wir sehen ein Ergebnis. Gerade in unsicheren Phasen, etwa nach sozialen Rückschlägen, können solche Erfahrungen das Selbstvertrauen stärken. Menschen, die sich schüchtern fühlen, können so langsam wieder Sicherheit für sich gewinnen, bevor sie neue Kontakte knüpfen. Wer viel Zeit in sozialen Medien verbringt, erlebt Belohnung und Erfolg endlich wieder direkt und real, ganz ohne Likes oder Bildschirm. Menschen mit Ängsten oder depressiven Gefühlen können ihre oft verdrängten und überfordernden Emotionen langsam sichtbar machen, begreifen und so Schritt für Schritt verändern. Auch wer sich im Alltag oft fremdbestimmt fühlt, kann entdecken, wie es wieder ist, über die eigenen Werke Kontrolle und Gestaltungskraft zu behalten oder zurück zu gewinnen.
Therapeutisch besonders wertvolle Momente entstehen, wenn wir später über die entstandenen Werke sprechen. Dann zeigen sich oft noch einmal ganz neue Erkenntnisse, und Gefühle können in Worte gefasst werden, wodurch das Gehirn diese Erfahrung wieder tiefer abspeichert. Distanz zum eigenen Erleben kann entstehen, neue Perspektiven werden sichtbar, und die Erfahrung der Selbstwirksamkeit : „Ich habe es geschaffen, ich kann etwas beeinflussen“. Das stärkt das Vertrauen in die eigene Handlungskraft. Wer diese Erfahrungen im Werk gemacht hat, kann ähnliche Strategien nach und nach auch im Alltag nutzen, denn das Gehirn hat nun verstärkt diese neuronalen Verknüpfungen.
Natürlich kann auch das therapeutische Gespräch allein Veränderung bewirken. Neue Gedanken, Perspektiven und Reflexionen aktivieren ebenfalls neuronale Verbindungen.
Doch die Kombination aus kreativem Tun und anschließendem Reflektieren ist besonders wirksam, weil in der Kunsttherapie durch das aktive Gestalten mit Händen, Farben oder Materialien motorische, emotionale und sensorische Hirnareale gleichzeitig aktiviert werden. Gefühle und Erfahrungen werden nicht nur gedacht, sondern körperlich erlebt und ausgedrückt, was die Verarbeitung im Gehirn vertieft. So entsteht Lernen und Veränderung durch Tun.
Kunsttherapie ist also weit mehr als „Malen“ „Töpfern“ oder „Basteln“. Sie schafft einen sicheren Raum, in dem unsere Gefühle gezeigt und verarbeitet werden können, sie bietet direkte Erfolgserlebnisse, stärkt das Selbstvertrauen und öffnet neue Wege, besser mit Ängsten, Traurigkeit oder sozialen Unsicherheiten umzugehen. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die psychische Belastungen erleben, kann sie ein Werkzeug sein, das Gehirn und Gefühle Schritt für Schritt neu verknüpft und so innere Stärke, Ausdruck und Mut wachsen lässt.




Kommentare